Literaturwettbewerb 2016
„Halber Russe, halber Deutsch
Kommt der Vater mit der Peutsch“
Leidensweg, Хождение по мукам
Pietia, а ты что, с ума сошол, bist du wahnsinnig geworden? Du hast Gras in deinem Garten gesät? Warum nicht Gurken, Kartoschki, Karotte? Hast du nicht genug Gras in der Steppe in Kasachstan gehabt? Mein Sohn ist leichtsinnig in Deutschland geworden ist. Nicht deshalb, weil er etwa ein großes Haus gebaut hatte, sondern weil er sich eine solche Dummheit im Garten erlaubt hatte, ты понимаеш! Verstehst Du! Wenn es wenigstens Kräuter wären, oder Obststräucher. Wer hat ihn bloß dazu gebracht? Конечно, он сошол с ума! Bestimmt hat er den Verstand verloren!“. Das Gemüse und Obst kann er hier in Deutschland aus der Tüte kaufen und deshalb verzichtet er bestimmt auf ein Gemüsebeet im Garten. Anderseits hat er einen großen Garten und kann immer noch Ziaegen oder Schafe auf dem Rasen weiden lassen. So würde er Milch und Käse selbst machen und die Lämmer zum Winter schlachten, so wie damals in Kasachstan. Я рождена in Kuryn 1921, Gboren 21 in Kuryn, Russland. No, Heimat? Ik hatte viele Heimat. In der Ukraine, Krasnojarsk, Kasachstan, und jetzt in Deutschland. Ik Russland Deutsche, я не грамотная женщина. Ich bin keine gebildete Frau. Ich bin schon in Deutschland. Mein Mann, дед помер три года тому назад и как он помер тогда мы были пят зим в Германии“. Er ist vor drei Jahren verstorben und als er starb, da war ich schon fünf Jahre in Deutschland. Sprache hab ik von meiner Mutter glernt und meine Mutter hatte von ihrer Mutter glernt. Sprache war meine Heimat, wo ich auch war. Maria меня завут. Meine Mutter war auch Maria und meine Großmutter auch.
In Kuryn, in der Ukraine kam ich zur Welt. Ik hatte 4 Schwester und 4 Brüder. Но, некоторые померли. Die einen sind im Zug nach Sibirien gstorben, die anderen verhungerten in der Steppe. Ранше нас увезли из Kurynia в Донецк. Zuerst haben sie uns aus Kuryn nach Donezk gebracht. Ich war damals noch ein Kind. In Kuryn hatten wir ein schönes Haus.
Добро мы жили в Курыню. Dort hatten wir keinen Hunger. So gute Äpfel hatten wir später niemals mehr gegessen. Das Wasser war nirgendwo so sauber und die Luft so rein, wie in Kuryn. Wenn ich in das Fenster schaue, sehe ich meine Heimat. Ich sehe ein kleines, lustiges Bauernmädchen, mit zwei langen stramm geflochtenen Zöpfen und mit einer großen, roten Schleife. Ich sehe wie ich den Hühnern das Futter streue, zwei Eimer Wasser aus dem weit entfernten Brunnen trage, singend und hüpfend die Kühe und die Gänse auf die Wiese treibe, wie ich im Winter am Kaminofen gerade ein Weihnachtslied singe, als jemand auf einmal laut schreit:“„Ухади!“ uchadi, „Alle raus!“ Тогда мы ушли. So flüchteten wir. Viele von den Unseren aus dem Dorf sind mit uns umgesiedelt. So blieben wir weiter zusammen und viele von denen haben mit uns auch später in einem Dorf gelebt. Viele verhungerten unterwegs. Ja Hunger hatten wir alle. Hunger war unser treuer Freund und Begleiter. Wir haben gemeinsam mit den Unseren den unfruchtbaren Boden lebendig gemacht und Korn gesät und Gemüse bebaut. Wir haben gemeinsam aus Holz und Ton unsere Häuser gebaut und Apfelbäume gepflanzt. Und als unser zweites Zuhause in Krasnojarsk fertig war, als der Garten erste Früchte brachte und die ersten saftigen Kartoffelfelder blühten, das Schwein ersten Wurf erwartete, da kamen sie wieder und sagten:
Ухади!, uchadi Es war Winter. Oни пришли , oni prischli und haben gsagt, Ухади, uhadi!. Alle raus!. Nur einen Sack durften wir mitnehmen. Meine Mutter weinte, griff schnell nach Kartoffel, Brot und сало, machte ein Kreuzzeichen an der Haustür und wir liefen alle zu Sammelstelle auf dem Güterbahnhof. In die Züge mit Schafe stiegen wir. Es war kalt und wir haben uns an die Schafe gekuschelt. Nach zwei Nächten hörten wir, wie es vom Himmel hagelte. Bomben! Raus aus den Waggons, raus und in die Steppe! So liefen wir um unser Leben. Wir und die Tiere, die wir aus den Waggons rausgeworfen haben. Es war kein Hagel. Es war die zerbombte Erde, die vom Himmel hagelte. Wir liefen weit, sehr weit. Als wir nach zwei Tagen zurückkehrten ist vom Zug nicht viel übrig geblieben. Überall lagen die Bretter, Säcke, Menschen und Tiere. Unser Zug, der uns nach Sibirien fahren sollte, konnte nicht weiterfahren. So blieben wir in der Steppe in Kasachstan gefangen. Die Soldaten приказали prikazali, ordneten an, weg von den Leichen zu bleiben und in die Steppe zu laufen. Wir sammelten trotz Verbot das eingefrorene Tierkadaver und das, was von den Kartoffelsäcken übrig geblieben ist. Wir haben unsere toten Brüder und Schwester im Schnee eingegraben und zogen in die dunkle fremde Weite. Nach drei Tagen fanden wir die Jurten der Kasachen. Es gab dort nicht genug Platz für uns alle. Es gab viele, die Deutsch mit uns sprachen. Die kamen aus anderen Gebieten. Sie sprachen auch anderes Deutsch, aber wir haben uns verstanden. Sie haben uns gesagt, dass wir in der Steppe Schwein gehabt haben. Nicht jeden Tag kommt es vor, dass der Zug bombardiert wird und Sibirien nicht erreicht.




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