Das ist die offizielle Homepage von Ewa Jagaciak (Schriftstellerin und Poetin)

Archiv für die Kategorie ‘Projekte’

Literaturapotheke – Wettbewerb 2017 Zwischen den Zeilen

Literaturapotheke in Hildesheim. Apothekenschränke gefüllt mit Poesie als Heilmedizin gegen Krankheiten

Abschlusslesung des Seminars “ WELCHE HEIMAT“, organisiert von Literaturapotheke Hildesheim

Entspiegelt

Die Lüge ist direkt und klar

Die Wahrheit ist zwischen den Zeilen verborgen.

 

Die Lüge trägt uns weiter

Die Wahrheit bereitet Sorgen.

 

Die Scheinheiligkeit ist direkt und klar.

Wahre Gefühle tief im Herzen verborgen und

erinnern, wie ich einmal war.

Scheinheiligkeit macht mir jetzt Sorgen.

 

Das Wort ist direkt und laut.

Gedanken in der Seele gefangen.

Durch die Worte bin ich  stets befangen.

Für freie Gedanken zahle ich die Maut.

 

Die Augen sehen wie es ist.

Die Seele weißt wie du bist.

Mit Günter Grass bei „Väterchen Frost“

Unterwegs nach Danzig 2014

 

„Was für ein verrücktes Märchen, nicht wahr? Wer würde schon die Tannenzapfen essen? Dafür kann man nur ein Eichhörnchen begeistern. Heute gehe ich lieber zu McDonalds und kaufe mir einen Big Mac. Nur träumen kann ich nicht mehr.“

 Väterchen Frost (дед мороз)

Dieses Jahr werde ich meinen fünften Geburtstag in dem Königreich des Väterchens Frost feiern. Es wird mir gelingen, wenn ich bis dahin nicht mehr gegen die Richtlinien der Mütterchen Russland und gegen die strengen, unmenschlichen Regeln im Arbeitslager verstoße. Seitdem ich mich erinnern kann, träumte ich davon dem Väterchen Frost und deren Tochter Schneeflocke zu begehen, weil sie im Schnee zaubernd meine Kinderträume wahr werden lassen. In Sibirien hatte Väterchen Frost große macht und Möglichkeiten. Deshalb wollte ich nicht mehr nach Afrika, seitdem ich von ihm gehört habe. Was hatte denn Afrika schon anzubieten? Eine Sandwüste mit einer Fata Morgana für die Verdursteten und Verirrten. Hier in Sibirien kann niemand verdursten, weil sich Sibirien bei einem Schneesturm in ein Tischlein deck dich verwandelt! Jetzt gerade fallen vom Himmel riesige Pfannkuchen  aus Schnee und knusprige Hagelkörner direkt in meinen Mund. Sie schmecken mir hier im Arbeitslager viel besser als ein frisch gebackenes saftiges Brot in meinem Zuhause. Dank Zaubereien des Väterchens Frost verwandelt sich der Schnee in einen leckeren Zuckerkuchen und die von der Hütte hängenden Eiszapfen in süßes Eis am Stiel. Sein eisiger Wind verzaubert diese endlose weise Landschaft in eine nahrhafte Milchstraße. All diese himmlischen Köstlichkeiten landen direkt in meinen leeren ausgehungerten Magen.

Ich genieße das Schlaraffenland bei  40-Grad Fieber auf einer Pritsche in dem Strafarbeitslager in Sibirien. Ich habe Typhus.

Hier wurde ich von der russischen Geheimpolizei, NKWD verschleppt, weil sie in mir Erzfeind der Sowjetunion erkannt hatte.

Das Mütterchen Russland war jedoch großzügig und gab mir die Gelegenheit meine Schuld abzuarbeiten im dem wunderbaren Königreich des Väterchen Frost. Dieser begegnete mich seit dem 13 April 1940 wahrhaftig in seiner ganzen Pracht.

Jeden Tag betete ich zu ihm um etwas Essbares. Nicht etwa um die warmen Stiefel oder eine warme Decke. Nein! Ich erwartete nur ein Stückchen Schwarzbrot oder wenigstens einen Krümel davon unter meinem Kissen zu finden.

Andere Wünsche verdrängte ich längst, weil dafür ein Henker drohte und nicht mal   das Väterchen Frost mich vor dem sicheren Tod wegzaubern könnte.

Nachdem ich ihn um schöne, warme Stiefel gebeten hatte und er mir ein paar zerfetzte Schuhe von meinem älteren Bruder herzauberte, wurde das Geschenk vom Lageraufseher streng untersucht, um  Reichtum – Epidemie auszuschließen. Als Lohn dafür musste ich eine Woche lang Wasser aus dem weitentfernten Fluss tragen, da ich nicht mehr barfuß war. Mein 4 Jahre älterer Bruder, liegt neben mir auf seiner Pritsche und betet zu Jesus ebenfalls um das tägliche Brot. Was für ein Dummkopf dieser Bruder!  Jesus hat doch kein Brot gezaubert, sondern nur  vermehrt! Ich versuche, ihn zu überzeugen, lieber das Väterchen Frost anzubeten, denn dieser hat hier in der grenzloser Schneelandschaft viel mehr Macht und Möglichkeiten, als Jesus. Und wenn das Väterchen Frost etwas Schneebrot herzaubert, so kann sein Jesus das Brot vermehren und das ganze Arbeitsstraflager sättigen. Ein paar Wälder von uns entfernt beten jüdische Kinder  um ein Stückchen Matzen und hinter dem Fluss in einer deutschen Siedlung speisen die Kinder das Brot so lange, bis auch sie in unserem Strafarbeitslager am 22 Juni 1941 landen, als Feinde und Nazi.

Ich wollte das Väterchen bei mir haben, auch nachdem der kurze Frühling seine Macht dahinschmelzen lässt, also verpfiff ich ihn als schneereichen Kapitalisten bei den Sowjets und hoffte auf seiner Verhaftung und Verschleppung in unser Lager. Reichtum war für die Sowjets ein Argument genug, um jedem antikommunistische und feindliche Agitation anzuhängen. Der sowjetische  Kommunismus hat nur Armut akzeptiert. Daher war damals die Sowjetunion, die Union der Armen. Die Sowjets haben leider bei dem Väterchen Frost versagt und mein Magen schrumpfte weiterhin auf eine Haselnussgröße. Aber wenigstens war ich noch am Leben. Hunger und Armut machte mich zu  ihresgleichen und aus diesem Grund wurde ich nicht erschossen. Das ganze Sowjetvolk hungerte damals ebenfalls. Dies war eine Art der gerechten Umverteilung in Übereinstimmung mit den Leitlinien der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Hunger, Kälte und Armut waren die Garanten unseres Lebens in UDSSR, Союз Советских Социалистических Республик.
Unser Lager war am Ende der Welt. Wir mussten unsere Paläste zuerst unter der Erde graben, um nicht zu erfrieren. Ein paar Holzbaracken haben wir danach gezaubert. Meine Träume zerplatzen wie eine Seifenblase und die Liebe zu Sowjets dafür, dass sie mich zum Väterchen Frost verschleppt haben ausbrannte. Oft lief ich aus der Baracke und rief laut die Schneeflocke um Hilfe. Und diese fiel auch vom Himmel direkt in meine Hände und schmolz dahin. Mit ihr schmolz meine letzte Hoffnung auf  Nahrungsquelle. Die  Sowjets haben mir verboten zu fischen, Pilze zu sammeln und zu jagen. Dafür gab ein Jahr im Loch. So habe ich notgedrungen auf andere Märchenfiguren zugegriffen in deren Rolle ich selbst schlüpfen musste. Da auch das Väterchen Frost sich im Frühling zurückgezogen hatte, war ich nur auf mich angewiesen. Ich entdeckte das Zauber „Sesam öffne dich“ und wurde zu Ali Baba und vierzig Räuber. Viele der Gefangenen suchten sich ein eigenes Zauber, oder ein Märchen aus, um zu überleben. Es wimmelte hier leider bald auch von bösen Zauberern und Dämonen, die sich gegenseitig auffraßen. Als Räuber raubte ich, was ich konnte. Ich raubte dem Wald die Bäume, den Bäumen die  Zweige und das Laub für Feuerholz, in dem ich Tannenzapfen gebraten habe. Ich raubte auch Baumrinde, aus der ich Sommersandalen gezaubert hatte. Das Moos, das ich dem Wald gewaltsam entrissen habe, verwandelte sich in eine warme Decke. Aus der erbeuteten Birkenrinde zauberte ich Gesichtsmaske, die mich vor dem eisigen Wind schützte. Erbeutete Himbeerblätter und Baumblätter wirkten bei Krankheiten wie ein Zauber. Als ich die Vorräte des Eichhörnchens und die Bärenhölle entdeckte, war das ein „Sesam öffne dich“.  Das schlafende Eichhörnchen und der Bär verloren ihr Fell und Fleisch. In diesem Märchenland des Väterchen Frost durfte ich nicht nur meine Sühne abarbeiten, sondern auch Zaubern, Verwünschen und viele überlebenswichtige Fähigkeiten entwickeln. Natürlich dank der Großzügigkeit des Батюшка, Batjuszkas  Stalin, der es mir erlaubte, dieses Märchenland am 13 April 1940 in Viehwagons zu betreten. Ich war einer von achthunderttausend Verschleppten. 1942 war das russische Märchen plötzlich zu Ende, weil mich der Feuervogel Жар-птица, Schar-Ptiza nach Teheran trug, in das warme Land der Scheherazade und Tausendundeiner Nacht, شهرزاد šahrzād. Von dort ging es weiter auf dem fliegenden Teppich nach Indien, danach  nach Uganda und Kenia in Afrika, wo ich bis 1948 mit achtzehntausend Gleichgesinnten und Massai in einem grünen Paradies auf Swahili weiter träumte, bis ich 1949 das Vereinigte Königreich Großbritannien und Kanada erreichte.

 

„Was für ein verrücktes Märchen, nicht wahr? Wer würde schon die Tannenzapfen essen? Dafür kann man nur ein Eichhörnchen begeistern. Heute gehe ich lieber zu McDonalds und kaufe mir einen Big Mac. Nur träumen kann ich nicht mehr.“

                                                                 Vorwort

Oft wird gefragt, wie die Polen im Zweiten Weltkrieg nach Sibirien und nach Afrika kamen.

Die kurze Antwort ist: nach Sibirien wurden sie von Sowjets verschleppt zu Arbeitslager  und nach Afrika kamen sie aus Sibirien.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schloss die polnische Exilregierung in London mit Stalin ein Abkommen. Danach bekamen viele polnische Deportierte eine Amnestie und  General Anders erhielt den Auftrag, eine polnische Armee aufzustellen.  Diese Armee wurde in den Irak gebracht, um dort die Ölfelder zu schützen. Danach kam sie nach Palästina und später nach Italien. Viele Zivilisten konnten die Sowjetunion zusammen mit der Armee von General Władysław Anders verlassen.

 

Viele von ihnen kamen über Indien, manche über Persien, das heutige Iran, nach Afrika. Sie kamen in britische Kolonien wie Uganda, Kenia, Tanganjika, Nordrhodesien, Südrhodesien und Südafrika.

Dort entstanden polnische Siedlungen, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geschlossen wurden.

Danach gingen die Menschen in viele Länder der Welt. Die größten Gruppen lebten später in Australien, Kanada, den USA, England und Neuseeland. Kleinere Gruppen gingen nach Mexiko und Argentinien. Ein Teil kehrte nach Polen zurück.

Nachwort

Eine Botschaft an die Welt: Lasst uns für die Kinder aus Kriegsgebieten sprechen

Das schlimmste aller Märchen geschieht wieder.
Nicht in Büchern.
Nicht auf alten Fotografien aus Kriegszeiten.
Sondern hier und jetzt. Vor unseren Augen.

Wieder werden Kinder verschleppt.
Wieder bringt man sie weit weg von zu Hause.
Wieder müssen sie zum Appell antreten.
Wieder lehrt man sie „Patriotismus“, statt ihnen Bildung, Geborgenheit und Liebe zu geben.
Wieder behandelt man Kinder nicht wie Menschen, sondern wie Spielfiguren in einem grausamen Spiel der Erwachsenen.

Das ist kein Märchen.
Das ist ein Verbrechen.

Kinder in Kriegsgebieten werden entführt, von ihren Familien getrennt und in Lager gebracht, die an Gefängnisse erinnern.
Ihre Kindheit steckt in Uniformen fest.
Ihre Stimmen werden von Parolen übertönt.

Lasst uns für sie sprechen.

Denn Kinder haben keinen Pass der Ideologien.
Denn Kinder sind keine Soldaten.
Denn jedes Kind hat das Recht auf Liebe, Bildung und ein Leben ohne Angst.

Wenn wir schweigen, wiederholen wir die Geschichte.
Wenn wir handeln, können wir sie verändern.

Lasst nicht zu, dass dieses Märchen wieder tragisch endet.

Die Welt soll hören:

Kinder gehören in die Kindheit. Nicht in den Krieg.

 

                                                            Jahr 2022

Gespräch russischer Offiziere in einem „Betreuungszentrum“

— Wie viele sind heute angekommen?
— Hundertvierunddreißig. Alle aus dem Donbas. Einige aus dem Waisenhaus, andere … einfach „herrenlos“.
— Haben sie Dokumente?
— Welche Dokumente, Genosse Oberst? Das sind doch Kinder, keine Bürger.
— Den Pass bekommen sie, wenn sie die Hymne gelernt haben und vergessen, dass sie aus der Ukraine kommen.

Die Kinder lernen neue Wörter.

Heimat. Mutter Russland.

Jeden Morgen verbeugen sie sich vor dem Bildnis eines selbsternannten Zaren.
Diejenigen, die weinen, bekommen „Zeit zur Umerziehung“.
Diejenigen, die schweigen, bekommen „Zeit zum Nachdenken“.
Und diejenigen, die protestieren, haben schon „für nichts mehr Zeit“.

Denn ein Lager ist kein Ort.
Es ist eine Haltung.
Eine Ideologie mit einem Gewehrkolben.
Ein Staat, der aus einem Kind einen Bürger eines fremden Imperiums machen will.

 

Das Märchen, das kalte Füße hatte, aber ein warmes Herz

„Es war einmal ein Junge … und er überlebte.“

Der Junge überlebte, weil er Schuhe aus Baumrinde flocht und Eichhörnchen fing.
Er baute sich eine Erdhütte, die längst verschwunden ist.
Aber irgendwo dort, auf einer Karte aus Birkenrinde, gibt es immer noch einen kleinen Punkt mit der Aufschrift:

Hier überlebte ein kleiner Junge das grausamste aller Märchen.
Das Märchen von Väterchen Frost des  Batjuszka Stalin.

Heute flüstert niemand mehr das Wort Lager.
Heute muss man keine Fenster mehr verhängen, um von zwei Jungen zu erzählen, die im Reich von Vater Frost nach Brot, nach einem Samowar und nach ein bisschen Wärme suchten.

Wir sind aus Filzstiefeln herausgewachsen, aber nicht aus unserer Fantasie.

Märchen sind nicht nur für die Gute Nacht Geschichten.
Sie helfen einem zu überleben.

Denn wenn man nichts mehr hat, wenn Schnee das Mittagessen wird und ein Theater aus Stöcken der einzige Palast ist, dann rettet einen manchmal genau das Märchen vor der grausamen Wirklichkeit.

Und wer weiß … vielleicht sitzt auch heute irgendwo ein Junge mit seinem Bruder in einer kalten Erdhütte oder in einer staubigen Wüste und träumt von Nikolaus, von Aladin oder einfach nur von warmem Tee und der Rückkehr nach Hause.

Ein Märchen ist nicht zu Ende, solange es noch jemand erzählt.
Und solange wir Märchen erzählen, die wahr waren, friert die Erinnerung nicht ein.

 

Jahr 1940, Kałusz

Ich heiße Janusz.
Ich wohnte in Kałusz, im Kreis Stanislau, in dem Land, das heute Ukraine heißt.

Als diese grausame Geschichte begann, war ich vier Jahre alt.
Eigentlich hätte ich mir nur Sorgen machen sollen, ob Mama mir erlaubt, noch ein wenig länger draußen zu spielen.
Aber es verlief leider ein bisschen anders.

In normalen Märchen gibt es Ritter, Drachen, Prinzessinnen und Hexen.
In meinem Märchen kamen die Sowjets vor.
Soldaten in schmutzigen Uniformen, die sagten, sie seien gekommen, um uns zu „retten“.

Komisch nur, dass diese Rettung daraus bestand, Menschen ins Gefängnis zu stecken.

Erst verschwanden die Väter.
Dann verschwanden ganze Familien.
Und später tauchte ein Wort auf:

Sibirien.

Es klingt ein bisschen wie der Name eines Zauberlandes auf einer Abenteuerkarte, nicht wahr?

In Märchen fahren Kinder mit dem Schlitten zum Spaß.
Ich aber fuhr nicht auf einen Spielplatz, sondern nach Sibirien.

In einem Viehwaggon.
Sehr weit.
Und ganz bestimmt nicht zum Vergnügen.

Dort lernte ich als Vierjähriger neue Wörter.

Nicht „Bauklötze“.
Nicht „Bonbons“.

Sondern:

Lager.
Verbannung.
Deportation.

Ein vierjähriger Junge sollte sich Sorgen machen, ob er sein Spielzeug wiederfindet.
Ich machte mir Sorgen, ob ich meinen Papa wiederfinden würde.

Für so ein kleines Kind sah das alles aus wie ein böses, verrücktes Märchen, das man nicht einmal hören möchte — geschweige denn selbst erleben.

Wenn du also denkst, das hier wird eine gewöhnliche Geschichte über Kindheit, dann sage ich lieber gleich die Wahrheit:

Diese Kindheit war ein bisschen anders.

Und von diesem „Märchen“, das wirklich geschehen ist, will ich erzählen.
Vom grausamsten aller Märchen im Reich von Vater Frost.

Inhalt

Der Leidensweg

Das Lager

Der kleine Feind des großen Volkes

Morgenappell

Patriotische Erziehung

Kulinarische Idylle

Das Kinderheim ohne Seele

Die Engelfabrik

Das Gulag-Alphabet

Gute Nacht

Die großen Sünden des kleinen Feindes

 

Der Leidensweg

Ihr fragt euch bestimmt:

Wie kam der kleine Januszek so weit nach Norden, in das Reich von Vater Frost?

Das wird er euch selbst erzählen.

Es war keine Klassenfahrt.
Kein Urlaub.
Und nicht einmal ein besonders seltsames Pfadfinderlager.

Es war eine Reise, die im Jahr 1940 sehr viele polnische Familien machen mussten.

Eine Reise ohne Rückfahrkarte.
Nach Nordosten.

  1. September 1939

Alles begann schon ein wenig früher.

Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in Kałusz ein.
Damals sagte man, sie kämen, um zu helfen.

Nur sah diese Hilfe irgendwie seltsam aus.

Zuerst verschwanden Menschen.
Polizisten.
Beamte.
Lehrer.
Und Väter.

Mein Vater war Zolloffizier.
Also verschwand auch er.

Im Frühjahr 1940 holten sie ihn ab.
Und dann kamen sie zu uns.

Es war drei Uhr morgens.

Plötzlich hämmerte jemand mit Gewehrkolben gegen die Tür.
Soldaten stürmten herein.
Gewehre. Rote Armbinden. Und Gesichter, die nicht besonders freundlich aussahen.

Sie befahlen uns, uns an die Wand zu stellen.
Dann durchsuchten sie das Haus.
Sie rissen Bilder von den Wänden.
Sie prüften Uhren.
Sie schauten unter Betten.
Sie suchten Gold und alles, was sich mitnehmen ließ.

Die Durchsuchung dauerte mehrere Stunden.

Am Ende sagte einer von ihnen:

— Packen.
— Ihr habt eine Stunde.

 

Das Versprechen vom Paradies

Ein Offizier des NKWD erklärte uns alles.

— Die sowjetische Regierung siedelt euch an einen neuen Ort um.
— Dort werdet ihr den Vater wiedersehen.
— Ihr bekommt Dokumente.
— Und ihr werdet ein ruhiges Leben als Bürger der Sowjetunion führen.

Das klang beinahe wie Werbung für eine neue Wohnsiedlung.

Sie sagten auch, wir dürften Gepäck mitnehmen.

Hundert Kilo pro Person.

Schade nur, dass niemand dazusagte, dass in den Waggons gar kein Platz für Gepäck war.

Hundert Kilo wog vor allem unsere Angst.
Und die konnte man leider nicht zu Hause lassen.

Am Bahnhof

Ein paar Stunden später kam ein Lastwagen.
Man brachte uns zum Bahnhof.

Dort standen Waggons.
Viehwaggons.
Mit verschlossenen Türen.
Und mit dem Weinen von Menschen darin.

Man drängte uns in einen hinein.

Dort waren schon vierzig Menschen.
Mit Gepäck.
Mit Kindern.
Und mit Angst.

Der Zug fuhr noch nicht los.
Er stand drei Tage lang.

Weil immer neue Menschen gebracht wurden.

Der Waggon

Im Waggon war es eng.

In der Mitte stand ein kleiner Ofen.
Und im Boden war ein Loch.

Das war die Toilette.

Unsere größte Freude war, den Ofen zu entdecken.
Die noch größere — das Loch.

Denn unter solchen Bedingungen ändert ein Mensch sehr schnell seine Meinung darüber, was Luxus ist.

Wasser gab es fast gar nicht.
Die Menschen leckten Reif von den Nägeln in den Wänden.

Die Reise in Vater Frosts Land

Endlich setzte sich der Zug in Bewegung.

Wir fuhren lange.
Sehr lange.

Manchmal bekamen wir ein wenig Brot.
Manchmal Suppe.

Wasser gab es meistens nicht.

Also schmolzen wir Schnee.

Einmal am Tag öffnete man den Waggon.
Dann durfte man kurz hinaus.
Neben den Zug.
Oder in die Schneewehen.

Danach wurden die Türen wieder geschlossen.
Und wir fuhren weiter.

Ins Unbekannte.

Manchmal besuchte uns Vater Frost im Waggon.

Nicht der aus dem Märchen.

Der echte.

Er kam nachts an den Wagen.
Schaute durch die Ritzen zwischen den Brettern.
Und verwandelte mit einem einzigen Atemzug die Luft und die Fahrgäste in Eis.

Dann ging er zufrieden wieder fort,  als hätte er eine gute Ernte eingefahren.

Jenseits des Urals

Nach vielen Wochen hielt der Zug schließlich an.

Wir waren weit weg.
Sehr weit weg.
Hinter dem Ural.
In Kasachstan.

Als der Zug endlich stillstand, dachten alle, die Reise sei vorbei.

Aber das war erst der Anfang unseres Leidens.

Es stellte sich heraus, dass das Reich von Vater Frost wirklich existierte und es war endlos.

Nur sahen die Geschenke dort anders aus als in Märchen.

Statt Spielzeug gab es:

Hunger.
Kälte.
Läuse.
Und Lungenentzündung.

Leider war das nur der nächste Teil dieses Märchens.

Ein sehr kalter Teil.

Aber einer, den die Kinder nie vergaßen.

Dann brachte man uns mit Lastwagen noch weiter.
Und am Ende mussten wir zu Fuß durch die Taiga laufen.

Der Schnee war tief.
Vater Frosts eisige Umarmung saß jedem im Hals, in den Beinen und auf der Nase.
Unsere Finger verwandelte er in Eiszapfen.

Alle gingen hintereinander.

Manchmal fiel jemand um.
Und stand nicht mehr auf.

Dann blieb er für immer in Vater Frosts Eispalast.

Das Lager, unser „Palast“

Am Ende des Weges standen ein paar Baracken.
Aus Holzstämmen.
Ohne jeden Komfort.

In einem Raum wohnten vier Familien.
Dazu Wanzen, Ratten und der Frost.

Pritschen aus Brettern.
In der Mitte ein Ofen.

So begann unser Leben in jenem „Palast“, den man Lager nannte, im Reich von Vater Frost.

Der kleine Feind des großen Volkes

Baracke Nummer sieben.
Ein frostiger Morgen.

Die Wände waren mit Reif überzogen, als hätte jemand sie mit Eis bemalt.
Die Pritschen knarrten bei jeder Bewegung wie alte Sargtüren.

Aus der Kommandantur hörte man Musik.
Das Radio spielte Kalinka.

Und in der Baracke spielten:

Husten,
Niesen
und das Scharren von Filzstiefeln ohne Sohlen.

Der Kommandant sagte, das Lager sei ein großes Erziehungszentrum.
Für die Kinder von Volksfeinden.

Aber in Wirklichkeit war es eher ein Erziehungs- und Erschöpfungskomplex „Kaltstart“.

Sonderabteilung. Gebiet Kustanai. Bezirk Karbalyk.

Dort bekam jedes Kind ein volles Freizeitpaket:

— ein Dach über dem Kopf mit natürlicher Belüftung, also Löchern,
— Wecken um fünf Uhr morgens, egal bei welchem Wetter,
— eine tägliche Portion heißer Propaganda,
— und besondere Abhärtungsübungen bei minus vierzig Grad.

Außerdem im Programm:

— Geduldsübungen vor einem leeren Napf,
— ein Überlebenskurs in Gesellschaft von Läusen und Wanzen,
— sowie Pflichtunterricht im Glauben an die strahlende Zukunft der Sowjetunion.

Und das alles, damit die Kinder unter Genossen Stalin eine glückliche Kindheit hätten.

Die erste Versammlung

Der Kommandant stellte alle auf dem Platz auf.

Dann sagte er kurz:

— Hierher haben wir euch gebracht.
— Hier werdet ihr arbeiten.
— Polen vergesst ihr.
— Polen ist von der Landkarte verschwunden.
— Hier werdet ihr bis zum Tod leben. Also nicht besonders lange.

Alle schwiegen.

Aber irgendwo in uns glomm noch Hoffnung.

Denn selbst im kältesten Land will im Menschen manchmal etwas einfach nicht einfrieren.

Morgenappell

Der Wachmann brüllte:

— Aufsteeehen, ihr Krabbeltiere! Jeder Volksfeind soll heute der Partei dafür danken, dass er noch atmet!

— Auf drei rufen wir Dankbarkeit! Eins, zwei …

Die Kinder krächzten mit durchgefrorenen Stimmen:

— DANKE, GENOSSE STALIN, FÜR UNSERE GLÜCKLICHE KINDHEEEEIT!

Maksym, fünf Jahre alt, flüsterte:

— Was ist das eigentlich, eine glückliche Kindheit?

Mańka, sechs Jahre alt, antwortete sehr philosophisch:

— Das ist, wenn in der Suppe mal etwas schwimmt, das kein Stock ist und ein bisschen wie Fleisch aussieht. Zum Beispiel ein Rattenschwanz.

Patriotische Erziehung

Die Betreuerin sagte eiskalt:

— Heute haben wir Zeichenunterricht. Thema: „Mein Zuhause“.

Ein Kind malte mit nacktem Finger begeistert in den Schnee eine Baracke, einen Wachturm und einen Kettenhund.

— Das ist mein Häuschen! Und das da ist unser Wachmann – Genosse Rote Nase!

Die Betreuerin nickte stolz.

— Wunderbar den Geist des sozialistischen Realismus getroffen. Nur den Kopf vom Hund noch etwas verbessern – da fehlt Aggressivität.

Kulinarische Idylle

Speiseplan im Lager:

Tag eins: kochendes Wasser mit einem Zweiglein als Note der Hoffnung.
Tag zwei: Suppe von gestern mit Moos.
Tag drei: Schnee mit einem Hauch Talg und Tannenzapfen.
Tag vier: die Erinnerung an ein Mittagessen aus dem Jahr 1938.
Tag fünf: Suppe aus Rindenspänen mit einer Note Ironie.
Tag sechs: Kompott aus eingeweichten Birkenblättern.
Tag sieben: Fasten.

Die kleine Lidka, sieben Jahre alt, leckte an der vereisten Wand und stellte sachlich fest:

— Mein Lolli ist nicht süß. Er schmeckt eher nach Salz.

Januszek schaute in seinen leeren Napf und erklärte:

— Das ist Salz aus unserem Schweiß. Zucker ist hier ein mythisches Produkt. So etwas Süßes kann nur der heilige Nikolaus bringen. Nicht dieser Vater Frost von denen.

Hans kam triumphierend mit einer Beute herein:

— Ich hab was gefunden! Eine Kartoffelschale von gestern aus dem Eimer!

Alle riefen begeistert:

— Es gibt ein Festmahl!

Wir aßen diese Schale wie ein Weihnachtsessen und flüsterten dazu Weihnachtslieder.

Denn in diesem Märchen hörte Gott mit dem Herzen zu, und niemand wollte wegen zu viel Lärm in die Strafzelle.

Das Kinderheim ohne Seele

Kinder von Volksfeinden brauchen keine Liebe, sagte man uns.
Sie brauchen Disziplin.

Darum wurden Babys und kleine Kinder ohne Berührung, ohne ein freundliches Wort und am besten auch ohne Mutter großgezogen.

Die Aufseherin erklärte den anderen Wärterinnen:

— Genossinnen! Keine Lieder beim Füttern. Kein Lächeln. Wollt ihr, dass hier sentimentale Wesen heranwachsen? Sie sollen liegen und an die Decke schauen. Dann fällt ihnen das Sterben leichter.

Ich verstand damals nicht alles.
Aber ich verstand genug, um zu wissen, dass dort etwas fehlte.

Nicht nur Milch.
Nicht nur Wärme.

Es fehlte etwas Unsichtbares.
Etwas, das in normalen Häusern einfach da ist.

Eine Hand.
Eine Stimme.
Ein Blick, der sagt: Du bist nicht allein.

Im Lager war selbst das eine verbotene Kostbarkeit.

 

Die Engelfabrik

Einmal sah die kleine Stasia, die erst drei Jahre alt war, ihre Freundin Zosia reglos liegen.

Zosia war kalt.
Und still.

Stasia fragte:

— Warum steht Zosia nicht auf?

Die Aufseherin antwortete, als spräche sie über das Wetter:

— Weil Engelchen sehr tief und sehr lange schlafen. Bis zum Frühling, wenn die Erde wieder auftaut.

Stasia schwieg kurz.

Dann flüsterte sie:

— Darf ich auch so schlafen?

Die Frau lächelte.

Es war ein boßhaftes Lächeln.

— Sicher. Bald schlaft ihr hier alle so.

Damals dachte ich, das Lager war wirklich eine Tor zum Himmel.

Es war leider nur eine Tor zum Friedhof.

Und der Friedhof wuchs schneller als wir.

Das Gulag-Alphabet

Auch Unterricht gab es.

Denn die Sowjetunion war sehr darauf bedacht, Kinder zu bilden.

Vor allem so, dass sie das Falsche vergaßen und das Richtige auswendig konnten.

Ein Lehrer im Kinderheim sagte:

— Kinder, heute lernen wir das Alphabet!

Und dann begann unser eigenes Lager-Abc.

— A wie Arrest — sagte Leszek.
— B wie Baracke — rief Januszek stolz.
— W wie Viehwaggon — rief Lidka.
— G wie Gulag — flüsterte Hans.
— D wie Ded Moros, also Vater Frost — freute sich Stasia.
— E wie Exekution — sagte Dawid.

Dafür bekam er sofort Ärger.

Nicht etwa, weil das Wort zu grausam war.
Sondern weil er es nicht russisch genug aussprach.

Leszek verbesserte die Sache rasch:

— E wie Ich esse einen Tannenzapfen.

Das gefiel dem Lehrer viel besser.

Mańka hob die Hand.

— Und M wie Mama? Oder wie Liebe?

Der Lehrer schüttelte den Kopf.

— Nein. M wie Moros.

Also wie Frost.

Nicht Mama.
Nicht Liebe.

Nur Frost.

So großmütig bildete uns Väterchen Stalin aus, uns Kinder des Feindes.

Gute Nacht

Abends erzählte Leszek mir manchmal Geschichten.

Sehr leise.
Fast nur mit dem Mund.
Kaum mit der Stimme.

Einmal begann er:

— „Und dann ritten Staś und Nel auf Kamelen weiter …“

Ich fragte:

— Kamel? Was ist das?

Leszek erklärte:

— Ein Tier, das monatelang nicht trinken muss.

Ich dachte kurz nach und sagte dann:

— Und sie haben es nicht deportiert? Das wäre doch ein sehr praktischer Gefangener.

Leszek lachte so leise, dass selbst das Lachen kaum zu hören war.

Im Lager lernte man, alles leise zu machen.

Das Reden.
Das Weinen.
Das Hoffen.

Nur der Hunger machte nie leise.

Die großen Sünden des kleinen Feindes

Ich stellte mir manchmal vor, ich würde einen Brief an Genossen Stalin schreiben.

Nicht einen richtigen.
So einen, den man im Kopf schreibt, weil Papier zu wertvoll und Wahrheit zu gefährlich war.

Er hätte ungefähr so geklungen:

Lieber Genosse Stalin,

gestern ist es uns gelungen, eine halbe trockene Rübe zu finden.
Heute prügeln sich die Kinder nicht um Seife, denn es gibt keine Seife.
Ich habe jetzt eine neue Mütze aus der Zeitung Prawda.
Wir haben ein patriotisches Lied gelernt:
„Meine Heimat, du bist wie eine Suppe aus Baumrinde.“

Danke für diese Erziehung.

Dein treuer kleiner Feind
Januszek

Natürlich schrieb ich diesen Brief nie wirklich.

Aber im Lager lernt man schnell, dass manche Briefe sicherer im Kopf bleiben als im Briefkasten.

 

Literaturapotheke – Projekt Über die Grenzen

Literaturwettbewerb 2016

„Halber Russe, halber Deutsch

Kommt der Vater mit der Peutsch“

Leidensweg, Хождение по мукам

Pietia, а ты что, с ума сошол, bist du wahnsinnig geworden? Du hast Gras in deinem Garten gesät? Warum nicht Gurken, Kartoschki, Karotte? Hast du nicht genug Gras in der Steppe in Kasachstan gehabt? Mein Sohn ist leichtsinnig in Deutschland geworden ist. Nicht deshalb, weil er etwa ein großes Haus gebaut hatte, sondern weil er sich eine solche Dummheit im Garten erlaubt hatte, ты понимаеш! Verstehst Du! Wenn es wenigstens Kräuter wären, oder Obststräucher. Wer hat ihn bloß dazu gebracht? Конечно, он сошол с ума! Bestimmt hat er den Verstand verloren!“. Das Gemüse und Obst  kann er hier in Deutschland aus der Tüte kaufen und deshalb verzichtet er bestimmt auf ein Gemüsebeet im Garten. Anderseits hat er einen großen Garten und kann immer noch Ziaegen oder Schafe auf dem Rasen weiden lassen. So würde er Milch und Käse selbst machen und die Lämmer zum Winter schlachten, so wie damals in Kasachstan. Я рождена in Kuryn 1921, Gboren 21 in Kuryn, Russland. No, Heimat? Ik hatte viele Heimat. In der Ukraine, Krasnojarsk, Kasachstan, und jetzt in Deutschland. Ik Russland Deutsche, я не грамотная женщина. Ich bin keine gebildete Frau. Ich bin schon in Deutschland. Mein Mann, дед помер три года тому назад и как он помер тогда мы были пят зим в Германии“. Er ist vor drei Jahren verstorben und als er starb, da war ich schon fünf Jahre in Deutschland. Sprache hab ik von meiner Mutter glernt und meine Mutter hatte von ihrer Mutter glernt. Sprache war meine Heimat, wo ich auch war. Maria меня завут. Meine Mutter war auch Maria und meine Großmutter auch.

In Kuryn, in der Ukraine kam ich zur Welt. Ik hatte 4 Schwester und 4 Brüder. Но, некоторые померли. Die einen sind im Zug nach Sibirien gstorben, die anderen verhungerten in der Steppe. Ранше нас увезли из Kurynia в Донецк. Zuerst haben sie uns aus Kuryn nach Donezk gebracht. Ich war damals noch ein Kind. In Kuryn hatten wir ein schönes Haus.

Добро мы жили в Курыню. Dort hatten wir keinen Hunger. So gute Äpfel hatten wir später niemals mehr gegessen. Das Wasser war nirgendwo so sauber und die Luft so rein, wie in Kuryn. Wenn ich in das Fenster schaue, sehe ich meine Heimat. Ich sehe ein kleines, lustiges  Bauernmädchen, mit zwei langen stramm geflochtenen Zöpfen und mit einer großen, roten Schleife. Ich sehe wie ich den Hühnern das Futter streue, zwei Eimer Wasser aus dem weit entfernten Brunnen trage, singend und hüpfend die Kühe und die Gänse auf die Wiese treibe, wie ich im Winter am Kaminofen gerade ein Weihnachtslied singe, als jemand auf einmal laut schreit:“„Ухади!“ uchadi, „Alle raus!“ Тогда мы ушли. So flüchteten wir. Viele von den Unseren aus dem Dorf sind mit uns umgesiedelt. So blieben wir weiter zusammen und viele von denen haben mit uns auch später in einem Dorf gelebt. Viele verhungerten unterwegs. Ja Hunger hatten wir alle. Hunger war unser treuer Freund und Begleiter. Wir haben gemeinsam mit den Unseren den unfruchtbaren Boden lebendig gemacht und Korn gesät und Gemüse bebaut. Wir haben gemeinsam aus Holz und Ton unsere Häuser gebaut und Apfelbäume gepflanzt. Und als unser zweites Zuhause in Krasnojarsk fertig war, als der Garten erste Früchte brachte und die ersten saftigen Kartoffelfelder blühten, das Schwein ersten Wurf erwartete,  da kamen sie wieder und sagten:

Ухади!, uchadi  Es war Winter. Oни пришли , oni prischli und haben gsagt, Ухади, uhadi!. Alle raus!. Nur einen Sack durften wir mitnehmen. Meine Mutter weinte, griff schnell nach  Kartoffel, Brot und сало, machte ein Kreuzzeichen an der Haustür und wir liefen alle zu Sammelstelle auf dem Güterbahnhof. In die Züge mit Schafe stiegen wir. Es war kalt und wir  haben uns an die Schafe gekuschelt. Nach zwei Nächten hörten wir, wie es vom Himmel hagelte. Bomben! Raus aus  den Waggons, raus und in die Steppe! So liefen wir um unser Leben. Wir und die Tiere, die wir aus den Waggons rausgeworfen haben. Es war kein Hagel. Es war die zerbombte Erde, die vom Himmel hagelte. Wir liefen weit, sehr weit. Als wir  nach zwei Tagen  zurückkehrten ist vom Zug nicht viel übrig geblieben. Überall lagen die Bretter, Säcke, Menschen und Tiere. Unser Zug, der uns nach Sibirien fahren sollte, konnte nicht weiterfahren. So blieben wir in der Steppe in Kasachstan gefangen. Die Soldaten приказали prikazali, ordneten an, weg von den Leichen zu bleiben und in die Steppe zu laufen. Wir sammelten trotz Verbot das eingefrorene Tierkadaver und das, was von den Kartoffelsäcken übrig geblieben ist. Wir haben unsere toten Brüder und Schwester im Schnee eingegraben und zogen in die dunkle fremde Weite. Nach drei Tagen fanden wir die Jurten der Kasachen. Es gab dort nicht genug Platz für uns alle. Es gab viele, die Deutsch mit uns sprachen. Die kamen aus anderen Gebieten. Sie sprachen auch anderes Deutsch, aber wir haben uns verstanden. Sie haben uns gesagt, dass wir in der Steppe Schwein gehabt haben. Nicht jeden Tag kommt es vor, dass der Zug bombardiert wird und Sibirien nicht erreicht.

 

 

Literaturapotheke – Literaturwettbewerb 2016

Rosengarten Hildesheim – Sommer 2016

Literaturwettbewerb 2016

Vom Lesen und Schreiben.

 

Ich legte Reiner Maria Rielke zur Seite, weil ich das deutsche Grundgesetz, GG lesen musste.

Den  Johann Wolfgang von Goethe legte ich weg und lass das Bürgerliche Gesetzbuch, BGB.

Statt das Buch „Der Zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist zu studieren, verschlang ich das deutsche Strafgesetzbuch, StGB.

Kurt Tucholskys Werke mussten dem deutschen Einkommensteuergesetz, EstG weichen.

„Nathan der Weise“ von  Gotthold Ephraim Lessing hatte ich zugunsten von Bibel und Koran vernachlässigt.

Die Weisheiten vom Wein trinken und Wasser predigen von  Heinrich Heine erlebte ich live in Medien durch die zahlreichen Affären, wie  Uli   und Carsten, ..

Nikodem Dyzma von  Tadeusza Dołęga-Mostowicz  reinkarnierte sich in die Bundestagabgeordnete Petra, also verlor ich keine Zeit für das literarische Werk.

„Der Aufhaltsame Aufstieg der Arturo Ui “ von Bertold Brecht  ist durch Wladi und Recep so allgegenwertig, dass ich es nicht mehr nötig habe das Urstück zu lesen, um sicher zu sein, dass uns alle „Der Prozess“  von Franz Kafka erwartet.

Wozu brauche ich noch klassische Literatur?

Das Leben schreibt die beste Romane!

Ich werde jedoch Erich Maria Remarque Werk „Im Westen nichts Neues“ immer und immer wieder lesen!

Hildesheimer Lyrik-Wettbewerb 2014 – Was mir heilig ist

 

Verkehrte Welt

 

Ich kann es nicht in Prosa fassen,

sondern nur im Vers.

Man sagte zu mir:

ich wäre pervers.

 

Ich kann mal mit Worten ausdrücken,

manchmal nur in Noten.

So stufte man mich schnell ein

zu den Chaoten.

 

Ich jongliere nicht mit Taten,

sondern mit Gefühlen.

So verbannte mich man

schnell in die Klapsmühle.

 

Ich benutze viele Worte

und wenig Pantomime.

Man sagte über mich:

ich wäre von Sinnen

 

Ich kann nicht mit dem Verstand lieben,

sondern nur mit dem Herzen.

Man war überzeugt,

dass ich nur scherze.

 

Ich sehne mich nicht nach Rache,

sondern nach Vergebung.

Man riet mir zu suchen

eine andere Umgebung.

 

Ich versuche es mit der Wahrheit

anstatt mit der Lüge.

Mann wunderte sich

über mein Gefüge.

 

Ich will Güte ausstrahlen

anstatt Gift und Galle.

Man warnte mich vor:

dafür gibt es die Pönale.

 

Ich bevorzuge die Treue

anstatt Lug und Trug.

Da hatte man es satt

und sagte: “genug!“